Ausstellungsserie, Wien/Österrich:
Mindestens zweimal erlebt (Wiederholung I-III)

Mindestens zweimal erlebt (Wiederholung I-III)

“Ein genuin nur auf sich selbst bezogenes und somit gänzlich in der Kategorie der Erstheit verbleibendes Zeichen wäre ein Widerspruch in sich. Wenn sich nämlich ein Erstes auf sich selbst bezieht, setzt schon dieses Beziehen eine Relation und somit notwendigerweise ein Zweites voraus.”(1) Jedes Zeichen befindet sich in einem zeitlichen Kontinuum zwischen einem vorausgehenden und einem folgenden Zeichen. Denkt man ein solches Kontinuum als veränderlichen Fluss, so liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sich kein Zeichen auf etwas beziehen kann, das als Objekt außerhalb dieses Flusses stünde – ein paradoxes Gedankenspiel, das einen über das Denken nachdenken lässt, in einer Schlaufe, die umgehend wieder von vorne beginnt, sobald sie ihr Ende erreicht hat.

Die Ausstellungsserie Mindestens zweimal erlebt kreist um die Idee einer Endlosschleife aus kommunikativen, medialen und gesellschaftlichen Kontexten. Das aus der Musik bekannte Konzept des Loops, jene ins Unendliche perpetuierbare Tonspur, dient dabei als Ausgangspunkt, um dem Referenzsystem nachzugehen, innerhalb dessen bildende KünstlerInnen heute operieren. Dem Thema “Raum” gewidmet, nimmt die erste Ausstellung auf die architektonischen, sozialen und zeitlichen Strukturen eines Ortes Bezug, der an der Schnittstelle von Musikkultur, bildender Kunst und sozialem Interaktionsraum angesiedelt ist. Die darauf folgende Ausstellung fokussiert das Thema “Wissen” im Sinne von Informationskompetenzen Einzelner, die unter dem bildungspolitisch weitläufigen Begriff des “Lebenslangen Lernens” zusammengefasst werden und die letzten Endes auf das Trainieren von Lebensrealitäten abzielen. Die dritte Ausstellung der Reihe Mindestens zweimal erlebt verschreibt sich schließlich dem Thema “Fortschritt”, indem sie auf die Relationen und Differenzen zwischen dem aus der Wiederholung entstandenen Gleichen verweist.

Synchron zu den zirkulären Bewegungen einer Endlosschleife, die ihren eigenen Kontext in sich trägt, sehen sich BetrachterInnen heute durch die Methoden der Wiederholung in der Kunst mit den Bedingungen der eigenen Wahrnehmung konfrontiert. Zurückgeworfen auf sich selbst, tauchen sie bei der Kunstbetrachtung in einen Prozess ein, dem das Potenzial eines Neuentwurf des Subjekts und seiner Wirklichkeiten innewohnt. Der momentane Stillstand, das Warten und die destabilisierende Unterbrechung der Wahrnehmungskette, die sich aus repetitiven Mustern ergibt, ist aber “nicht der enttäuschende, weil zu seinem eigenen Anfang zurückführende Prozess. Es ist dasselbe, mindestens zweimal von mir erlebt. Es ist objektiv dasselbe, daher eine Möglichkeit, die Veränderungen meiner erfahrenden Subjektivität zu beobachten, eine Erfahrung zweiter Ordnung von Veränderung zu machen”(2) und schließlich kurzfristig Abstand zu nehmen von herrschenden Ordnungen und ihrer instrumentalisierenden Wirkung. Die Methoden der Wiederholung mit ihren seriellen, mechanischen und standardisierten Produktionsverfahren werden dabei ähnlich “gegen essentialistische Gebote der Originalität, Einzigartigkeit und Geschlossenheit des Werks in Stellung gebracht”(3) wie sie sich gegen die dazugehörigen Gebote der Genialität und Einzigartigkeit seiner AutorInnen positionieren.

Ziel der Ausstellungsserie Mindestens zweimal erlebt ist es, die Themen “Raum”, “Wissen” und “Fortschritt” anhand ihrer materiellen Bedingungen zur Diskussion zu stellen. Das rückbezügliche Moment des Selbstverweises kann dabei unterschiedliche Gestalt(4) annehmen: es bezieht sich auf haptisches Material, das sequenziert, moduliert und damit in seiner Wahrnehmung zeitlich verschoben wird, es nimmt ein bestimmtes repetitives Verfahren auf und wendet diese Prozedur so lange auf das Ausgangsmaterial an, bis sich dieses sukzessive verändert hat, oder es nimmt schließlich auf ein System Bezug, das in seiner Vollständigkeit reflektiert wird. All diesen Formen der Autoreflexion ist gemeinsam, dass sich der Prozess in den Verfahren selbst verdeutlicht. Im Vordergrund steht also das Material, das sich als komplexes System kommunikativer, medialer und gesellschaftlicher Implikationen auslegen lässt. Die KünstlerInnen hinterfragen die Strukturen seiner Anordnung sowie die Art und Weise wie die von ihnen verwendeten Methoden der Wiederholung als Kommunikationswerkzeug benutzt und an welche unterschiedlichen Lesearten sie von den BetrachterInnen immer wieder neu gebunden werden. Das Moment der Formfindung, die “erst im tatsächlichen Vorgang der Beobachtung”(5) entsteht, wird an substanziellen Mitteln wie Kommunikation, Raum, Licht, Farbe und Zeit festgemacht und in einer zirkulären wie interaktiven Situation an die Wahrnehmung geschlossen.

Entgegen formalistischen Methoden der Interpretation steht das Material aber nicht als autonome Einheit im kontextfreien Raum, sondern ist Bedingung für den Gebrauch prozessualer, immaterieller Kunst, die sich in der Tradition avantgardistischer und konzeptueller künstlerischer Strategien lesen lässt. Diese Verschmelzung von Zeichen und Objekt, von Inhalt und Form, verhält sich schließlich wie ein Äußerungsgefüge, das „nicht ‚von‘ den Dingen, sondern […] auf derselben Ebene wie die Zustände der Dinge oder die Zustände ihres Inhalts“ (6) spricht. In der Ausstellungsserie Mindestens zweimal erlebt geben sich die Künstler diesen Zuständen hin, es sind die Zustände der materialisierten Objekte, die Zustände der durch Wiederholung aufgeworfenen Fragestellungen und letztlich sind es die Zustände, die erst durch die Interaktion der RezipientInnen mit den Objekten entstehen. Sie lassen sich auf ein Gedankenspiel ein, das zwischen Referenzlosigkeit und Selbstreferenzialität schwebt und umgehend wieder von vorne beginnt, sobald es sein Ende erreicht hat – „Tja, im Loop kommt man weiter“ (7)

(1) Nöth, Winfried (2002): Selbstreferenz in systemtheoretischer und in semiotischer Sicht, in: Empirische Text- und Kulturforschung. Heft 2, S. 1-7, http://www.sjschmidt.net/konzepte/texte/noeth1.htm (7. Mai 2011).
(2) Diederichsen, Diedrich (2008): Eigenblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation, Kiepenheuer & Witsch: Köln, S. 35.
(3) Buchmann, Sabeth: Wiederholung ist nicht, was sich wiederholt, in: Buchmann, Sabeth / et al. (Hg.) (2005): Wenn sonst nichts klappt: Wiederholung wiederholen in Kunst, Popkultur, Film, Musik, Alltag, Theorie und Praxis, materialverlag und b_books: Hamburg und Berlin, S. 72-88 (S. 72).
(4) Vgl. Mayer, Alexander / Pick, Erich: Neuauflage, in: Buchmann, Sabeth / et al. (Hg.) (2005): Wenn sonst nichts klappt: Wiederholung wiederholen in Kunst, Popkultur, Film, Musik, Alltag, Theorie und Praxis, materialverlag und b_books: Hamburg und Berlin, S. 153-178.
(5) Huber, Hand Dieter: Die Autopoiesis der Kunsterfahrung. Erste Ansätze zu einer konstruktivistischen Ästhetik, in: Rehkämper, Klaus / Sachs-Hombach (Hg.) (1998): Bild, Bildwahrnehmung, Bildverarbeitung, Deutscher Universitätsverlag: Opladen, S. 163-171, http://www.hgb-leipzig.de/ARTNINE/huber/aufsaetze/autopoiesis.html (7. Mai 2011).
(6) Deleuze Gilles / Guattari, Félix (1997): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Merve Verlag: Berlin, S. 122.
(7) Diederichsen, Diedrich (2008): Eigenblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation, Kiepenheuer & Witsch: Köln, S. 37.



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