Vortragsreihe, Wien/Österreich:
Von öffentlichen Handlungen und ästhetischen Reisen — Fotografie und das Internet

Björn Siebert, „A SELF PORTRAIT [REMAKE]“, C-Print 2006, aus der Reihe „Remake“

In der Regel aber macht die Kamera jedermann zum Touristen in anderer Leute Realität und unter Umständen auch in seiner eigenen.
—Susan Sontag 

Digitale Bilder können in Echtzeit von einem zum anderen Computer übertragen werden, sie sind jederzeit und allerorts abrufbar – sie sind interkonnektiv. Jene Fotografien, deren Existenz noch nicht in Nullen und Einsen begründet ist, wurden bereits oder werden mit großer Wahrscheinlichkeit noch digitalisiert. Ein Klick genügt, um digitale Fotografien zu (re)produzieren, um ihre Organisationsform in nur wenigen Minuten zu verändern, um sie einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und nicht zuletzt, um sie maschinell analysierbar zu machen. Der noch immer ansteigende Boom digitaler Fotografie eröffnet Fragen nach einer neuen Ästhetik des Bildes, die ohne Blick auf die Vernetzung im World Wide Web nicht beantwortet werden können: sei es nach der Kompression der Bilder, die notwendig ist, um sie auf Reisen durch das virtuelle Universum zu schicken, sei es nach ihrer digitalen Formgebung, um sie auf Bildschirmen unterschiedlicher Größen darstellen zu können, oder sei es nach der Markierung mit digitalen “Wasserzeichen”, um die UrheberInnenschaft zu sichern. Nicht zuletzt beeinflusst der – schon bei der Entstehung der Bilder – ständig mitschwingende Gedanke an ihre potenzielle Veröffentlichung für eine schier unüberschaubare anonyme Öffentlichkeit im Netz den Charakter der Fotografie. Mit der Vortragsreihe Von öffentlichen Handlungen und ästhetischen Reisen – Fotografie und das Internet wird dem aktuellen Diskurs um die Auswirkungen des Internet auf digitale Formen der Fotografie nachgegangen.

Donnerstag, 11. November 2010, 19 Uhr
*I Shot Myself” – Fotografie als intimes Protokollmedium im WWW
Vortrag von Karin Bruns

Biografische Formate, die auch privateste Details verzeichnen, bebildern und vertonen, durchziehen das World Wide Web. In ihnen manifestiert sich, so scheint es wenigstens, das Paradox einer veröffentlichten Intimität, die laufend Alltagsabläufe (*Koche mir gerade einen Kaffee“), biografische Grenzsituationen (*I think I’m dying like my father did”) oder sexuelle Praktiken (*Me and my Ex doing it”) gleichermaßen umfasst. Welche Form von Vertraulichkeit und Vertrautheit werden in den neuen Online-Formaten generiert? Und: welche Rolle spielt in diesem Kontext die Fotografie?

Karin Bruns ist Medien- und Literaturwissenschafterin. Seit 2003 unterrichtet sie als Professorin für Medientheorien an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, seit 2004 leitet sie das Institut für Medien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Medienteorie, Intermedialität, Gender und Medien sowie Kulturen des Gerüchts im World Wide Web.

Donnerstag, 18. November 2010, 19 Uhr
Aliquid-Werden – Zur Porträtfotografie im Netz
Vortrag von Marc Ries

Der Begriff der “Reproduktion” verwies in der Fotografie-Theorie stets auf das Bild selbst, auf die technische Wiedergabe, Vervielfältigung und schließlich Veröffentlichung des Aufgenommenen. Mit dem Internet passiert eine Verschiebung im Einsatz der Reproduktion – von den Objekten (Informationen, Meinungen, Infrastrukturen, Bilder etc.) hin zu “privaten” Menschen, die sich mit ihren Bildern selbst reproduzieren und als anonyme Akteure in den Architekturen des Netzes vervielfältigen. Der Vortrag wird diesen Prozess anhand ausgewählter Werke der Ausstellung nachzeichnen und hinterfragen.

Marc Ries ist Medienphilosoph, Kurator und Professor für Soziologie und Theorie der Medien an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach am Main. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Bereichen Medien- und Kulturtheorie mit Ausrichtung auf Fotografie, Kino, Fernsehen, digitale Medien, Kunst und Architektur sowie auf phänomenologischen und semiotischen Verfahren der Bildanalyse.

Donnerstag, 2. Dezember 2010, 19 Uhr
Anmerkungen zum Einfluss des WWW auf die Fotografie
Vortrag von Ruth Horak

“Schreib etwas…” fordert mich Facebook auf, die Kommunikation mit einer neuen Freundin zu starten. “Was machst du gerade?” Ich scrolle über die Fotos der letzten 27 Events und Nicht-Events meiner neuen Freundin. “Schreib einen Kommentar…”, werde ich wieder aufgefordert, während ich die Alben ihrer Freundesfreunde überfliege. „Gefällt mir“ kommentiere ich. Was bringt das World Wide Web der Fotografie? – Ein neues Kapitel in der Geschichte der Amateurfotografie inklusive endloser Ressourcen zur Veröffentlichung, eine Imagebank ohne Ende, die zur Aneignung ohne Ende anregt, schlecht aufgelöste Bilder – die meisten davon immateriell und ohne redaktionelle Betreuung, den lückenlosen Blick von oben auf unsere Welt und in unsere Gärten. Wie folgenlos ist das Internet noch für die Fotografie?

Ruth Horak ist Kunsthistorikerin und Kuratorin, sie lebt in der Nähe von Wien und arbeitet als Autorin und Lehrbeauftragte über zeitgenössische Kunst und Fotografie. Sie publiziert regelmäßig Textbeiträge in Zeitschriften, Katalogen und Büchern. In der Edition Fotohof Salzburg ist der Titel “Rethinking Photography – Narration und neue Reduktion in der Fotografie” (2003) erschienen.

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